Bauen mit Bestand

Umbau statt Neubau: Zwei bestehende Schulgebäude in Neunkirchen (AT) werden durch gezielte Eingriffe aufgewertet, um sie für zeitgemäße pädagogische Konzepte nutzbar zu machen.

Bauen mit Bestand

Programm

Bundeshandelsakademie und Bundeshandelsschule mit 22 Klassen (Bestand, Umbau), Bundesrealgymnasium mit 36 Klassen (Bestand, Zubau), Pavillon mit Turnsaal, Mensa und Bibliothek zur gemeinschaftlichen Nutzung (Neubau), Freiraumgestaltung

Projektgröße

18.748m² BGF

Status

EU-weit offener, einstufiger Realisierungswettbewerb, 2019

Ort

Otto Glöckel-Weg 2 und Schillergasse 10, 2620 Neunkirchen (AT)

Der Neubau des Pavillons wird zwischen die Gebäude der HAK und des BRG an den südlichen Rand des Wettbewerbsareals gesetzt, um einen gemeinsamen, zentralen Schulvorplatz zu schaffen.

Im Kontrast zur geometrischen Architektur der Gebäude wird der zentrale Schulvorplatz durch ein informelles Gestaltungskonzept bestimmt, dessen einzelne Bereiche durch Aneignung ihre eigentliche Gestalt annehmen.

Bauen mit Bestand

Ein Schulgebäude nachzunutzen statt neu zu bauen spart ca. 15 Prozent der Baukosten [1] und 70 Prozent an CO2. Die bestehenden Schulgebäude der Bundeshandelsakademie und Bundeshandelsschule (HAK) und des Bundesrealgymnasiums (BRG) in Neunkirchen aus den 1960-er bzw. 1970er-Jahren sind aber auch baukulturell wertvoll: Ihre Nüchternheit, Eleganz, Nutzungsflexibilität und räumlichen Großzügigkeit sind von zeitloser Qualität.

Die Bestandsgebäude der HAK und des BRG Neunkirchen sollen weitestgehend erhalten und durch gezielte Eingriffe aufgewertet werden, um sie für zeitgemäße pädagogische Konzepte nutzbar zu machen. Gemeinsam mit dem Neubau eines Pavillons wird ein neuer Schulvorplatz gerahmt, dessen informelle, flexible Gestaltung mit der klaren, präzisen Architektur der Gebäude kontrastiert.

Städtebau

Der Neubau des Pavillons wird zwischen die Gebäude der HAK und des BRG an den südlichen Rand des Wettbewerbsareals gesetzt, um einen gemeinsamen, zentralen Schulvorplatz zu schaffen. Gleichzeitig schützt der Pavillon den Schulvorplatz vor Schallemissionen der nahen Bahnstrecke. Alle Schulgebäude erhalten zum Schulvorplatz orientierte Kolonnaden mit darüber liegender Balkonzone, wodurch die Platzränder durch regengeschützte, kommunikative Freibereiche aufgewertet werden. Die Anbindung der HAK an den Pavillon wird durch Fortsetzung der Kolonnade im Zwischenbereich beider Gebäude hergestellt.

Freiraum

Im Kontrast zur geometrischen Architektur der Gebäude wird der zentrale Schulvorplatz durch ein informelles Gestaltungskonzept bestimmt, dessen einzelne Bereiche durch Aneignung ihre eigentliche Gestalt annehmen. Abbruchmaterialien der bestehenden Freiräume sollen sortiert, zerkleinert und als Belagsmaterialien für Felder mit unterschiedlichenOberflächenqualitäten wiederverwendet werden: befestigte Flächen, wassergebundene Wegedecke, Schotter- und Geröllfelder, Grünbereiche mit Gräsern und Bäumen. Ein System an befestigten Pfaden teilt die Felder und zeichnet mäandrierende Wege über den Platz. Großformatige Sitzmöbel strukturieren die Freiflächen und sind vielseitig nutzbar.

Schema 01: Erhalt des Bestandes, gepaart mit gezielten Eingriffen und kompakten baulichen Ergänzungen                                                                                                                                                                                                

Funktionale Organisation HAK

Die ursprüngliche Flurtypstruktur der HAK wird durch gezielte Eingriffe in eine moderne Clusterschule mit natürlich belichteten Erschließungszonen und neuen Blickbeziehungen über alle Geschoße hinweg weiterentwickelt. Zuvor dunkle, tiefe Flure weichen hellen Räumen mit hoher Aufenthaltsqualität. Ein zentrales Atrium erstreckt sich vom Erdgeschoß bis ins zweite Obergeschoß, ein Oberlicht bringt zusätzlich Tageslicht in den tiefen Raum und verstärkt die helle, offene Atmosphäre.

Die Idee der vertikalen Kommunikation setzt sich offenen Lern- und Pausenbereichen – den „Marktplätzen“ –  fort: Vier Marktplätze verbinden jeweils sechs Stammklassen über zwei Geschoße miteinander. Eine Wendeltreppe führt vom ersten in das zweite Obergeschoß und ermöglicht nicht nur eine räumliche Verbindung, sondern auch neue Formen des Austauschs und Lernens. Im ersten Obergeschoß lassen sich die Stammklassen über raumhohe Schiebetüren direkt mit den Marktplätzen zusammenschalten, im zweiten Obergeschoß sorgen bodentiefe Fenster für eine starke visuelle Verbindung.

Das Wegekonzept der HAK basiert auf dem Prinzip der Umläufe. Im Inneren führt ein durchgehender Rundgang um das Atrium, der die einzelnen Bereiche miteinander verbindet und Orientierung schafft. Die Laubengänge erfüllen nicht nur brandschutztechnische Anforderungen, sondern schaffen auch geschossübergreifende Freibereiche und aktivieren die angrenzenden Innenhöfe der HAK. Die ostseitigen Stammklassen erhalten zusätzliche Balkone Richtung Schulvorplatz, die als Freiklassen genutzt werden können.

Funktionale Organisation BRG

Im Gebäude des BRG werden lineare Gangsysteme geöffnet, um Räume für zeitgemäße pädagogische Konzepte zu schaffen. Dem Bestandsgebäude wird westseitig ein Neubau in Holzbauweise vorgelagert, der die Effizienz des bestehenden, westseitigen Trakts erhöht und größere grundrissliche Flexibilität ermöglicht. Der Haupteingang verbleibt an seinem jetzigen Ort, ein sich über alle Geschoße erstreckendes, von oben belichtetes Atrium im Bereich der bestehenden Haupttreppe schafft Überblick und Orientierung.

Die Wegeführung wird bestimmt durch wechselseitig angeordnete Lern- und Pausenbereiche – „Marktplätze“ –, die die linearen Gänge platzartig erweitern und Blickbeziehungen nach außen und über Deckendurchbrüche auch in andere Geschoße herstellen. Fünf bis sechs Stammklassen gruppieren sich um jeweils zwei Marktplätze und können mit diesen über großformatige Schiebetüren zu offenen Lernlandschaften verbunden werden. Balkone Richtung Schulvorplatz können so wie in der HAK als Freiklassen genutzt werden.

Funktionale Organisation Pavillon

Der Neubau des Pavillons präsentiert sich als einladende, vielseitig nutzbare Raumstruktur in Holzbauweise mit Ausrichtung auf den zentralen Schulvorplatz. Der Haupteingang bzw. Turnsaalzugang für Externe sind mittig zwischen den Gebäuden der HAK und des BRG angeordnet und zum Schulvorplatz orientiert.

Mensa und Mehrzweckraum sind ebenfalls zum Platz ausgerichtet und können so wie die Räume der Nachmittagsbetreuung im 1. Obergeschoß zu einem durchgehenden Raumverband zusammengeschlossen werden. Der zweigeschoßige Turnsaal liegt im Untergeschoß und ist vom Erdgeschoß einsehbar. Auf dem Dach des Turnsaals befindet sich im 1. Obergeschoß eine begrünte Terrasse für die Nachmittagsbetreuung. Die zweigeschoßige Bibliothek liegt im Erdgeschoß und stellt Blickbeziehungen ins 1. Obergeschoß her. Der Pavillon ist im Erdgeschoß in alle Richtungen durchwegbar, ein zweites Stiegenhaus führt aus dem Untergeschoß direkt zu den Sportflächen der HAK.

Lageplan

Ökonomische, soziale und ökologische Nachhaltigkeit

Wesentliches Ziel aller Um- und Neubauten ist Nutzungsflexibilität, um die Nutzung des Gebäudes auch im Fall sich ändernder pädagogischer Konzepte aufrechtzuerhalten. Attraktive, aneigenbare Freiräume, offene Raumabfolgen, vielseitig nutzbare Weg in den Gebäuden, starke visuelle Innen-Außen-Bezüge und direkt aus dem Gebäude erreichbare Außenräume auf allen Geschoßen erhöhen soziale Kontakte und tragen zur Akzeptanz der Gebäude bei. Die überwiegende Verwendung des Baustoffes Holz bei Neubauten bzw. neuen Bauteilen im Bestand senkt die CO2-Bilanz, durch die Inanspruchnahme von Förderungen können Mehrkosten im Holzbau mehr als kompensiert werden. Sortenreine Bauteilaufbauten machen Baustoffe auch nach Abbruch wiederverwendbar. Abbruchmaterialien sollen gesammelt und in den Neubauten (z.B. als Zuschlagstoffe für Stahlbetonbauteile) bzw. in den Freibereichen wiederverwendet werden. Die Nutzung von Erdwärme für die Grundlast an Heizung und Kühlung senkt Betriebskosten und CO2-Belastung. Ein geringes Außenfläche-Volumensverhältnis reduziert Bau- und Betriebskosten.

Fassadengestaltung

Entsprechend den bauphysikalischen Befunden müssen die bestehenden Fassaden von HAK und BRG generalerneuert werden. Den Rohbau-Fensterparapeten, die zum Teil erhalten bleiben, wird eine Holz-Fensterfassade vorgeblendet. Bestandsdecken und -stützen werden fassadenseitig überdämmt und durch Holzpaneele verkleidet.

Holz kommt als Baustoff bei allen Fassaden zum Einsatz. Ein weiteres gemeinsames Merkmal aller Gebäude ist ein Fassadenraster, der je Gebäude variiert wird. Während vertikale Stützen beim Pavillon einen Abstand von 4,80 haben, reduziert sich dieser auf 2,40m beim BRG bzw. bei der HAK auf 60cm. Die Fassade des Pavillons wird zusätzlich durch Füllung des Fassadenrasters mit abwechselnd transparenten, opaken und begrünten Fassadenelementen weiter differenziert.

Grundriss Erdgeschoß

Fußnoten

[1] Annahme: Neubau Schule: 3.300€/m² NRF, Einsparung durch Nachnutzung Bestand: 500-600 Euro/m² = 15 Prozent

[2] Annahme: Der Rohbau eines Schulbaus macht ca. 80 Prozent der Masse und damit 80 Prozent des verbauten CO2 aus. Bei Erhalt von 80 Prozent des Rohbaus errechnet sich eine CO2-Ersparnis von 64 Prozent bei Nachnutzung gegenüber Neubau. Unter Berücksichtigung der bei Nachnutzung eingesparten CO2-Belastung durch Abbruch und Entsorgung (Erhöhung CO2-Belastung Neubau auf 110 Prozent) erhöht sich die CO2-Ersparnis auf 70 Prozent (= 0,64 x 1,1)

Gesamtsituation.

Blick von Osten mit BRG im Vordergrund.

Detail mit HAK (links oben), Pavillion (Rechts unten), zentralem Platz (rechts und Sportflächen (links).

Blick von Westen mit HAK im Vordergrund.

Detail Freiraum: Abbruchmaterialien der bestehenden Freiräume werden als Belagsmaterialien für Felder mit unterschiedlichen Qualitäten wiederverwendet.

Zum Schulvorplatz orientierte Kolonnaden mit darüber liegender Balkonzone werten die Platzränder durch regengeschützte, kommunikative Freibereiche auf.